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Editorial November 2017

Der britische Autor Simon Reynolds hätte sicher seine Freude daran, den aktuellen Bandcheck unseres November Programmheftes zu lesen. In der Top 5 des Novembers findet sich mit Osaka Monaurail und Lee Fields gleich zweimal Soul, wie er durch ein Wurmloch aus den Siebzigern in die Jetztzeit geraten zu sein scheint, dazu mit Kadavar und Big Business zweimal Stoner/Psych/Sludge/Noise/ Metal, einmal jung, einmal mit Original-Protagonisten der ersten Welle. Während Reynolds dieses Phänomen in seinem bereits vor einigen Jahren er- schienenen Buch „Retromania“ zeitdiagnostisch als „Hyper-Stasis“ beschreibt, als einen Zustand, in dem Pop sich gleichsam aus einem Kontinuum historischer Entwicklung abgelöst hat und zu einer universellen Gegenwart geronnen ist, scheint uns bei den bei uns auftretenden Künstler*innen dann doch eine Form von Gegenwart erhalten, die den Blick in die Zukunft wahrt. Kadavar haben sich auf ihrem aktuellen Album nachgerade rausgekratzt aus der Retrofalle (was man ihren Bärten, zugegeben, nicht unbedingt ansieht). Mit Lee Fields haben wir einen Protagonisten der ersten Welle des Soul bei uns zu Gast – und Osaka Monaurail entziehen sich auf besonders spektakuläre Art dem naheliegenden Eklektizismus-Verdacht, in dem sie gleich mit der 72-jährigen Martha High touren, die bereits 1962 mit James Brown auf Tournee gegangen ist. Genial! Big Business wiederum sind in allen ihren Inkarnationen (Melvins, Murder City Devils etc.) stets darauf bedacht, ihrem Sound eine Distinktion einzubauen, die sie davor schützt, einer bloßen Ästhetisierung vorgefundenen Materials auf den Leim zu gehen.

Richtig retro erscheint uns heute, da wir noch unter dem Eindruck der Bundestagswahl stehen, vielmehr das allfällige Aufflammen von Nationalismus, offenem Rassismus, Protektionismus und einer Blut- und Boden-Rhetorik, wie wir sie dereinst zu überwinden gehofft hatten. Natürlich ist der neuerliche Rechtsruck (von seiner historischen, nie gebann- ten Form und also seines Fortlebens in der Gegenwart ganz zu schweigen, das wäre noch mal ein anderes Kapitel) kein plötzlich eintretendes Ereignis. Vielmehr ist er ein Ausdruck einer sich schon länger vollziehenden Form von Globalisierung, die einen autoritären Kapitalismus befördert, der zusehends zu einem Sinnvakuum führt, Gewissheiten in Frage stellt und soziale Sicherheiten zu Makulatur werden lässt. Wenn Menschen in erster Linie als Humankapital begriffen, nach Nützlichkeit und Effizienz beurteilt und gesondert werden, während gleichzeitig Arbeit als gesellschaftliche Arbeit überflüssig gemacht wird – ohne darüber einen fetischisierten Arbeitsbegriff aufzugeben –, nimmt es nicht wunder, dass viele Menschen nach einfachen Angeboten suchen, die ihnen von rechts gemacht werden. Ein Phänomen, das sich durch alle Schichten zieht, in der sich die Abstiegsängste einer Mittelschicht mit jenen einer sich bereits als abgehängt begreifenden „Unterschicht“ (sic!) treffen und negativ verstärken– Integrationskraft bieten dann zuallererst einfache Feindbilder. Der Flüchtling. Der Jude. Der Muslim. Die Mainstream-Medien. Die etablierten Parteien. Die Reihe ist beliebig lang. Eine Rückgewinnung verlorengegangener Souveränität aber böte nur eine Politik, die sich nicht nolens volens zum Steigbügelhalter dieser Entwicklung machte, sondern die kapitalistische Formation, die jene erst hervorbringt, dergestalt zu kritisieren und in Schranken zu weisen, das Begriffe wie Solidarität und Zärtlichkeit, Würde und universelle Werte zuallererst wie- derhergestellt und erlebbar würden. Die nicht versuchte, sich in Nationalstaatlichkeit und Prä-Digitalisierung zurück zu flüchten. Die radikal zukünftig dächte. Die das Allgemeine über das Partikulare stellte, die Nachhaltigkeit über das Profitinteresse. Und sich nicht in Sonntagsreden darüber erschöpfte. Kurz: Eine Politik, die den ursächlichen Zusammenhang von Kapitalismus und Barbarei thematisierte, in der die herrschende Parole von der Alternativlosigkeit einer „marktkonformen Demokratie“ (sic!) mindestens andersrum sich darstellte: in der das Primat der Politik sich wiederherstellte als Wille zu einem demokratiekonformen Markt. Das wäre für den Anfang nicht zu viel verlangt, meinen wir. Dann schauen wir weiter.

In diesem Sinne. Pessimistisch, aber nicht ohne Hoffnung: Das Schlachthof Team. 

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