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Editorial Februar 2020

Liebe Närrinnen und Narrhalesen,

Wenn wir uns in der Vergangenheit vor allem durch beredtes Schweigen als nicht eben die größten Fans der Folklore-Großveranstaltung namens Karneval/Fassenacht/Younameit geoutet haben, wollen wir nun, da die närrische 5. Jahreszeit wieder ihren Höhepunkt erreicht, doch einmal zwei, drei Worte darüber verlieren. Zu einem Ritual, das, obwohl selbst von einigen Leuten unseres Vertrauens geschätzt, so einige Fragen aufwirft. Uns jedenfalls kommt es vor, als sei dieses seltsame Spektakel in erster Linie ein seltsamer kollektiver Tilt-Out, der wenig Gutes in sich trägt und zugleich ziemlich tief blicken lässt in die Strukturen einer Gesellschaft, die auf Zurichtung und Marktförmigkeit beruht und in der auch die Abweichung nicht mehr als eine regelkonforme Variante des Status Quo ist.

Obschon die Tradition des Karnevals, zumindest der gelehrten Mehrheitsmeinung nach, über die Jahrhunderte aus einem obrigkeitskritischen Gestus erwachsen ist, einem, in dem ein kritisches, gar freies Wort geäußert werden durfte, scheint es uns so, dass in jener ritualisierten Form von Kritik die Obrigkeitshörigkeit doch immer mindestens als Negativfolie erhalten blieb. Als sanktionierte, als dosierte Kritik, die mal eben in Frage stellen darf, was sie an 360 anderen Tagen im Jahr nicht in Frage stellt. Eine Art Ventil, in dem – und da kommen wir schon wieder in der Gegenwart an – hinter der Büttenrede, dem Witz, dem offenen Wort allzu oft der allfällige Herrenwitz und die Verachtung jeder echten Individualität, gar Freiheit anzutreffen ist; ein Ventil, in dem sich die im Alltag verlässlich unterdrückte Sexualität kurz Luft verschafft, hinter dem jedoch in den meisten Falle die immergleiche Sauertöpfigkeit, eine allgemeine Bratwurstigkeit und Kartoffeligkeit steht, die uns auch an den restlichen Tagen des Jahres verblüfft und bekümmert. In der eine „Kritik“ geäußert ist, die dann doch mehr mit sexistischen, klassistischen, rassistischen Ressentiments zu tun hat, als ihr lieb sein kann und die nach schalem Bier und noch schalerem Smegma riecht. In der selbst in der vermeintlich liebevollen Pflege lokaler Bräuche ein Patriotismus aufscheint, in dem die gesamte Struktur von Identitätsbildung als Ausschluss enthalten ist, in dem ein „Wir“ gegen ein „Ihr“ gesetzt ist, mein Jägerzaun gegen deinen, Nun ja, ihr kriegt das Bild. 

Was also bleibt zu wünschen? Ein Karneval, in der Kritik sich nicht in launigen Umzügen und Prunksitzungen erschöpfte, die dem Radfahrerprinzip gleich, nach oben buckelt und nach unten tritt. Eine Kritik, in der Solidarität geübt würde. Die sich darüber bewusst wäre, dass es, wenn schon alle unterm gleichen Rad der Verhältnisse aufgespannt sind, einen Unterschied macht, auf wessen Kosten gelacht wird: Nicht über die, die aus vielen Gründen marginalisiert und benachteilig sind, sondern über jene, die Macht in ihren Händen halten, sei es echte, sei es definitorische, jene, die Privilegien innehaben und verteilen. Und das sind nicht nur „Die da oben“, sondern womöglich auch du und ich. 

Was wir uns wünschen würden, wäre eine Gesellschaft, in der gewissermaßen das ganze Jahr über Karneval herrschte, in der es gar nicht nicht nötig wäre, einen wenige Tage währenden Ausnahmezustand herbeizusehnen, an dem alles sonst sorgsame Unterdrückte und Sublimierte in einer Art Explosion hinausdrängen müsste. In der täglich jener Witz gepflegt würde, den wir oben zu umreißen versucht haben. 

Ein wenig davon finden wir womöglich in unserem kleinen Lesungs- und Kabarettprogramm im Februar, um das Gesagte an unseren kleinen Kulturbetrieb zurückzubinden und, zugegeben, die Werbetrommel zu rühren. Nichts für ungut. Mehr darüber und zu allem anderen findet ihr auf den nächsten Seiten.

Selbst manchmal sauertöpfisch, doch stets für einen guten Lacher zu haben: 

Das Schlachthof Team.

 

 

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