Wir schreiben das Jahr 1976. Atomare Aufrüstung und Kalter Krieg sind die weltpolitischen Koordinaten, es knirscht an allen Ecken und Enden. In Großbritannien herrscht eine gravierende ökonomische Unzufriedenheit. Die wirtschaftliche Not ist immens, die politischen Kämpfe werden gewalttätig und erreichen die Straße. Die Arbeitslosigkeit ist verheerend, die Inflation hoch, Streiks legen das tägliche Leben lahm. Neue Perspektiven fehlen, für Studierende, für Arbeiter und Arbeiterinnen, für die Jugend. Eine Kluft, in die sich Strömungen wie die National Front ergießen, gleichzeitig gärt eine kulturelle und gesellschaftliche Aufbruchstimmung. Es brodelt in den Jugendclubs, es bilden sich erste Subkultur-Szenen, ein aufrüttelnder Mix aus Protest und Provokation ist die Grundlage. In Kombination mit einer ausgeprägten Abneigung gegen die bestehende Ordnung, wider das Establishment, die Hochkultur, aber auch gegen die ausgedienten Rock-Dinos. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann diese explosive Mischung zum nächsten großen Knall führt.
Punk wird zum Fanal des Widerstands. Nicht nur in England. Und der Rest ist Geschichte.
Fast forward zum heutigen Abend: "A LIFE WITHOUT PUNK" widmet sich diesen prägenden Jahren und bringt Protagonist*innen aus England und Deutschland zusammen, um das Phänomen Punk und Neue Musik zu reflektieren, zu feiern und fortzusetzen. Die Veranstaltungsreihe tourt mit wechselnden Ensembles und macht nicht selten an Schauplätzen von damals halt.
Die Hosts der Abende sind zwei der wesentlichen Protagonisten des Punk, John Robb und Mark Reeder. Sie sprechen - miteinander und mit ihren Gästen - über 50 Jahre Punk, wann und wo und wie sie von der Neuen Welle und Energie erfasst wurden, über Erfahrungen und Anekdoten, und darüber, wie richtungsweisend diese Zeiten des nicht nur musikalischen Aufruhrs für sie und ihre Leben gewesen sind.
Der erste bestätigte Gast des heutigen Abends ist Alexander Hacke, der 1980 bereits im zarten Alter von 14 Jahren Mitglied der Einstürzenden Neubauten wurde, aber auch darüber hinaus, sei es als Musiker oder Produzent, in zahlreichen einflussreichen Underground-Bands aktiv war und ist. Und vieles mehr. Darüber gibt er in seiner mehr als lesenswerten Autobiografie "Krach" (Ventil Verlag) Auskunft. Sein jüngstes musikalisches Werk heißt "LICHTUNG" (Mute Records), es ist das neuste Album seines gemeinsam mit seiner Partnerin Danielle De Picciotto unter dem Moniker hackedepicciotto betriebene Duo-Projekt.
Zu ihm gesellt sich die glorreiche Annette Benjamin, die Teil einer der besten und stilprägenden deutschen Postpunk-Bands aller Zeiten, Hans-A-Plast, war. Zuletzt trat sie vor allem mit einer Art Supergroup in Erscheinung, die sie mit Drangsal, Beatsteaks-Schlagzeuger Thomas Götz, Charlotte Brandi und Julian Knoth von Die Nerven gegründet hat und unterm dem Namen die Benjamins firmiert.
Neu dazu gekommen ist zudem Pauline Murray. Mit sechzehn Jahren brach sie die Schule ab, studierte Kunst am Darlington College und ging anschließend Gelegenheitsjobs nach. Im Mai 1976 sah die 18-jährige Murray einen Auftritt der Sex Pistols, woraufhin sie und ihre Freunde aus Ferryhill zu begeisterten Fans der Pistols wurden und sich den Namen „Durham Contingent“ (NME) verdienten. Im gleichen Jahr noch gründete sie mit Robert Blamire and Gary Smallman die nach einem Stooges-Stück benannte Band Penetration. Auch mit späteren Inkarnationen wie Pauline Murray and the Invisible Girls, Pauline Murray and the Storm oder Pauline Murray and the Saint, aber auch als Solartist hat sie einige legendäre Alben veröffentlicht. Ihre Autobiografie „Life‘s A Gamble“ ist 2024 bei Omnibus Press erschienen.
Begleitet werden die Abende mit Projektionen von Archiv B Berlin, sowie einer on-tour Fotoausstellung mit Motiven der Punk-Dokumentar-Fotografin Sabine Schwabroh. Es moderiert der Autor und Journalist (und Punk-Drummer) Ingo Scheel.
Bestuhlt bei freier Platzwahl.