Moritz Wilken alias Grim104, die eine Hälfte von Zugezogen Maskulin, macht, was Rap betrifft, erst einmal so ziemlich alles anders als alle anderen. Nach seinem düsteren, introspektiv-melancholischen, dabei doch doppeldeutig-hoffnungsvoll betitelten Album „Ende der Nacht“, in dem der umherirrende Flaneur die ambivalent-abgefuckte Magie jener besonderen Stunde channelte, beehrt uns Grim104 auch zu seinem jüngsten Album „No Country For Old Grim“, das sich vielleicht am besten in Bildern erzählen lässt:
Eine Drohne schlägt in einen Unterstand ein, verrauschte Bilder zeigen die letzten Sekunden eines Soldaten, unterlegt von kämpferischer Phonk-Musik. Schnitt. Ein Rapper hält seinen ersten, eigenen Eistee in die Kamera und grinst. Schnitt. Eine nächtliche Großstadt, grünstichig. Hell und klar hebt sich der Schweif einer Rakete ab, die in ein Hochhaus einschlägt, man hört die Detonation, Alarmsirenen und aufgeregtes Hundegebell. Ein etablierter Indiepop-Artist singt seinen bekanntesten Song, die Kamera schwenkt, auf einmal kommt der Crazy Frog ins Bild, gut gelaunt und nur mit seiner prägnanten weste bekleidet. Er legt den Arm um den bekannten Sänger und beide stimmen den Refrain ihres neuen, gemeinsamen Songs ein. Schnitt. Schnitt. Schnitt. You get the picture.
„No Country For Old Grim“, ist eine irrwitzige, finstere Collage aus all den Bildern, die in den letzten Jahren sowohl das Weltgeschehen als auch unser persönliches Empfinden beeinflusst haben: Spätestens mit den Kriegen und Gräueln der letzten Jahre hat sich die relative Gemütlichkeit der Zehnerjahre endgültig aufgelöst, das Gefühl von politischer und wirtschaftlicher Sicherheit scheint endgültig erodiert. Und auch im Nahbereich beginnen die Dinge zu rutschen: Die „Arm, Aber Sexy“-Utopie von Berlin ist ausgeträumt und eine obskure, neue Klassengesellschaft ist entstanden – die, die den Smoothie bestellen und die, die den Smoothie in einem kaputten Mitsubishi Colt liefern.
Kurz: Es ist ein Tanz auf Messers Schneide, den Grim 104 nun auch wieder auf die Bühne bringt. Und es wird denkwürdig. Wie immer mit ihm.
Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden e.V.
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